Deutschland soll mehr arbeiten – aber wer betreut eigentlich unsere Kinder?
Wer Vollzeitarbeit fordert, muss auch Vollzeit-Kinderbetreuung ermöglichen
Ein persönlicher Kommentar
Deutschland muss Wirtschaftswachstum erzielen, aber ohne Kinderbetreuung ist es für Familien kaum möglich, vollzeit zu arbeiten.
Vor wenigen Tagen erhielt ich einen Anruf aus der KiTa meiner Tochter. Zum Glück ging es nicht um die Gesundheit meiner Tochter, aber leider um die Gewährleistung der Betreuung.
Ich habe für meine Tochter einen Betreuungsvertrag über 45 Stunden pro Woche. Ab dem 1. August 2026 wird dieser Vertrag allerdings faktisch eingeschränkt. Der Grund: Die Einrichtung wird künftig nicht mehr bis 17 Uhr geöffnet sein, sondern bereits um 16:15 Uhr schließen.
Die KiTa-Leiterin erklärte mir die Situation freundlich und nachvollziehbar. Sie fragte mich, ob meine Frau und ich diese Änderung auffangen könnten.
Natürlich versuchen wir grundsätzlich, unsere Tochter möglichst früh abzuholen. Wir arbeiten beide Vollzeit und sind überwiegend selbstständig. Das bedeutet allerdings auch, dass sich Termine verschieben können, ein Kunde kurzfristig länger benötigt oder man schlicht im Berufsverkehr feststeckt. Genau für solche Situationen war der bisherige Zeitpuffer bis 17 Uhr gedacht. Nicht, weil wir unsere Tochter möglichst lange betreuen lassen möchten, sondern weil der Alltag eben nicht immer planbar ist.
Ich schilderte ihr genau das.
Daraufhin sagte sie, sie könne nach einer Alternative suchen.
In diesem Moment ging ich davon aus, dass sie vielleicht gemeinsam mit dem Träger oder der Stadt nach einer Lösung suchen würde. Vielleicht gäbe es Möglichkeiten über den Jugendhilfeträger oder die Kommune. Vielleicht gäbe es Ausnahmeregelungen oder individuelle Lösungen.
Die Alternative sah allerdings vollkommen anders aus.
Sie bot an, uns bei der Suche nach einer anderen KiTa zu unterstützen.
Dieser Satz hat mich offen gesagt sprachlos gemacht.
Nicht, weil die Leiterin etwas falsch gemacht hätte. Im Gegenteil. Vermutlich wollte sie helfen und suchte nach der einzigen Lösung, die ihr überhaupt noch blieb.
Geschockt hat mich vielmehr die Tatsache, dass unser System inzwischen offenbar an einem Punkt angekommen ist, an dem Eltern vor die Wahl gestellt werden: Entweder ihr organisiert euren Berufsalltag komplett neu – oder euer Kind muss möglicherweise seine vertraute KiTa verlassen.
Für meine Tochter wäre das keine echte Alternative.
Sie besucht diese Einrichtung seit Jahren. Dort hat sie ihre Freunde gefunden. Dort kennt sie die Erzieherinnen, den Tagesablauf und ihre Bezugspersonen. Im kommenden Jahr soll sie gemeinsam mit vielen dieser Kinder eingeschult werden. Genau diese Kontinuität ist für Kinder in diesem Alter von enormer Bedeutung.
Ein KiTa-Wechsel wenige Monate vor der Einschulung wäre für uns keine zumutbare Lösung.
Das eigentliche Problem sitzt nicht in der KiTa
Je länger ich über dieses Gespräch nachgedacht habe, desto klarer wurde mir: Das Problem sitzt überhaupt nicht in unserer KiTa.
Die Erzieherinnen leisten seit Jahren hervorragende Arbeit. Trotz Personalmangel, hoher Krankheitsquoten, Dokumentationspflichten und steigender Anforderungen gelingt es ihnen Tag für Tag, den Kindern Sicherheit, Geborgenheit und Bildung zu vermitteln.
Auch die KiTa-Leitung hat in meinem Telefonat keinen falschen Eindruck hinterlassen. Sie wirkte vielmehr wie jemand, der selbst unter den Umständen leidet und versucht, aus einer schwierigen Situation das Beste zu machen.
Genau das macht die Geschichte eigentlich so traurig.
Wenn engagierte Fachkräfte Eltern nur noch den Wechsel der Einrichtung anbieten können, dann zeigt das primär eines: Das System funktioniert nicht mehr so, wie es sollte.
Mehr arbeiten? Dann muss Kinderbetreuung funktionieren.
Seit Monaten wird auf Bundesebene darüber diskutiert, wie Deutschland wirtschaftlich wieder wachsen kann.
Bundeskanzler Friedrich Merz hat mehrfach betont, dass Deutschland wieder mehr arbeiten müsse, um die Wettbewerbsfähigkeit des Landes zu stärken. Auch Wirtschaftsverbände weisen regelmäßig darauf hin, dass mehr Arbeitsstunden und eine höhere Erwerbsbeteiligung notwendig seien.
Grundsätzlich kann man diese Diskussion führen.
Doch sie greift zu kurz.
Denn wie sollen Eltern mehr arbeiten, wenn gleichzeitig die Betreuungszeiten ihrer Kinder reduziert werden?
Wie sollen Selbstständige zusätzliche Aufträge annehmen, wenn sie nicht wissen, ob sie ihr Kind um 16 Uhr oder 16:15 Uhr zwingend abholen müssen?
Wie sollen Unternehmen ihre Mitarbeitenden länger einsetzen, wenn die Kinderbetreuung immer häufiger an Personalengpässen scheitert?
Kinderbetreuung ist längst kein familienpolitisches Randthema mehr.
Sie ist Wirtschaftspolitik.
Der Fachkräftemangel beginnt nicht erst in Unternehmen
In Deutschland wird viel über fehlende Fachkräfte gesprochen.
Dabei wird häufig vergessen, dass der Fachkräftemangel bereits viel früher beginnt.
Denn ohne funktionierende Kinderbetreuung können zahlreiche Eltern ihre Arbeitszeit gar nicht ausweiten.
Besonders betroffen sind Frauen, die noch immer häufiger ihre Arbeitszeit reduzieren oder ganz aus dem Beruf aussteigen, wenn Betreuungsangebote wegbrechen.
Die Folgen sind längst messbar.
Weniger Arbeitsstunden bedeuten weniger Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt.
Weniger Fachkräfte bedeuten geringeres Wirtschaftswachstum.
Und dennoch wird die Kinderbetreuung häufig eher als sozialpolitisches Thema behandelt als als wirtschaftliche Infrastruktur.
Dabei ist sie mindestens genauso wichtig wie Straßen, Schienen oder digitale Netze.
Die Situation in Nordrhein-Westfalen ist seit Jahren bekannt
Dass viele KiTas in Nordrhein-Westfalen unter erheblichem Personalmangel leiden, ist kein neues Phänomen.
Kommunen und Träger in Deutschland berichten seit Jahren über Schwierigkeiten, offene Stellen zu besetzen. Krankheitsausfälle führen immer häufiger zu Notgruppen oder verkürzten Öffnungszeiten. Landesweit müssen Einrichtungen regelmäßig Betreuungszeiten einschränken, weil schlicht das Personal fehlt.
Mit verschiedenen Programmen versucht das Land Nordrhein-Westfalen gegenzusteuern. Dazu gehören unter anderem erleichterte Einsatzmöglichkeiten weiterer Berufsgruppen sowie Programme für den Quereinstieg in die Kindertagesbetreuung.
Diese Maßnahmen zeigen, dass das Problem politisch längst erkannt wurde.
Offenbar reichen sie bislang jedoch nicht aus, um den tatsächlichen Bedarf zu decken.
Warum werden Quereinsteiger nicht konsequenter gefördert?
Besonders nachdenklich macht mich eine persönliche Erfahrung aus unserer eigenen KiTa.
Vor einiger Zeit absolvierte dort eine Mutter ein Praktikum, weil sie als Quereinsteigerin den Beruf der Erzieherin erlernen wollte.
Innerhalb kürzester Zeit hatte sie die Herzen der Kinder gewonnen.
Auch heute noch begegnen wir ihr regelmäßig im Ort oder auf Veranstaltungen.
Meine Tochter erkennt sie sofort.
Sie läuft auf sie zu und fällt ihr jedes Mal freudestrahlend um den Hals.
Für mich zeigt das sehr deutlich, welche natürliche Begabung manche Menschen für diesen Beruf mitbringen.
Umso enttäuschender war es damals, dass der direkte Einstieg letztlich nicht funktionierte.
Gerade weil dieselbe Einrichtung seit Jahren unter Personalmangel leidet, blieb bei mir die Frage zurück, ob wir potenziellen Fachkräften den Einstieg nicht unnötig schwer machen.
Natürlich benötigt pädagogische Arbeit eine hochwertige Ausbildung.
Kinder verdienen gut qualifizierte Fachkräfte.
Dennoch sollte jede politische Entscheidung darauf abzielen, geeignete Menschen schneller in diesen Beruf zu bringen – ohne Qualitätsstandards aufzugeben.
Frühe Bindungen sind mehr als nur Betreuung
In politischen Debatten in Deutschland wird häufig über Betreuungsplätze gesprochen.
Viel seltener geht es um die Kinder selbst.
Dabei zeigen entwicklungspsychologische Studien seit vielen Jahren, wie wichtig stabile Bezugspersonen und konstante Freundschaften im Vorschulalter sind.
Kinder entwickeln in der KiTa soziale Kompetenzen.
Sie lernen Konflikte zu lösen.
Sie schließen Freundschaften.
Sie erleben Rituale.
Sie entwickeln Vertrauen.
Gerade im letzten Jahr vor der Einschulung entstehen häufig enge Freundschaften, die den Übergang in die Grundschule erheblich erleichtern können.
Deshalb sollte ein Wechsel der Einrichtung kurz vor der Einschulung möglichst vermieden werden.
Wenn Eltern also vorgeschlagen wird, wegen verkürzter Öffnungszeiten die KiTa zu wechseln, geht es nicht nur um organisatorische Fragen.
Es geht um das soziale Umfeld eines Kindes.
Wertschätzung allein löst den Personalmangel nicht
Kaum ein Beruf erhält gesellschaftlich so viel Lob wie der der Erzieherin oder des Erziehers.
Fast jeder bedankt sich.
Fast jeder spricht von der Bedeutung frühkindlicher Bildung.
Doch Wertschätzung allein bezahlt keine Miete.
Sie sorgt auch nicht automatisch für bessere Personalschlüssel.
Sie verhindert keine Überlastung.
Und sie gewinnt keine neuen Fachkräfte.
Wenn wir möchten, dass mehr junge Menschen diesen Beruf wählen, müssen sich auch die Rahmenbedingungen verbessern.
Dazu gehören attraktive Ausbildungswege, bessere Entwicklungsmöglichkeiten, ausreichende Personalausstattung und verlässliche Finanzierung.
Kinderbetreuung ist kein Luxus
Oft wird so diskutiert, als würden Eltern möglichst lange Betreuungszeiten verlangen, um ihre Kinder „abzugeben“.
Meine Erfahrung in Deutschland ist eine andere.
Die meisten Eltern möchten Zeit mit ihren Kindern verbringen.
Sie möchten sie möglichst früh abholen.
Sie möchten gemeinsam spielen, essen und den Tag ausklingen lassen.
Aber sie benötigen die Sicherheit, dass der Alltag auch dann funktioniert, wenn ein Kundentermin länger dauert, der Zug Verspätung hat oder auf der Autobahn Stau herrscht.
Genau diese Verlässlichkeit macht gute Kinderbetreuung aus.
Nicht, dass jedes Kind bis zur letzten Minute bleibt.
Sondern dass Eltern wissen, dass sie sich auf die vereinbarten Zeiten verlassen können.
Vielleicht diskutieren wir an der falschen Stelle
Das Telefonat mit unserer KiTa hat mich nachdenklich gemacht.
Nicht wegen der Mitarbeiterinnen vor Ort.
Nicht wegen der Leitung.
Sondern weil es beispielhaft zeigt, wo Deutschland aktuell steht.
Wir diskutieren in Deutschland darüber, wie Menschen mehr arbeiten sollen.
Wir diskutieren über Produktivität.
Über Wettbewerbsfähigkeit.
Über Fachkräftemangel.
Doch gleichzeitig schaffen wir es vielerorts nicht mehr, die Kinderbetreuung zuverlässig sicherzustellen.
Vielleicht beginnt die Debatte also an der falschen Stelle.
Vielleicht sollten wir zuerst dafür sorgen, dass Eltern ihre Kinder mit gutem Gewissen in einer stabilen, hochwertigen und verlässlichen Betreuung wissen.
Denn eine starke Wirtschaft beginnt nicht erst im Unternehmen.
Sie beginnt morgens an der Tür einer KiTa.
Deutschland benötigt eine Strategie, die bei den Familien beginnt
Wenn oben mehr Geld in Deutschland erwirtschaftet werden soll, dann muss unten die Basis funktionieren. Dies bedeutet, dass wir bei den Arbeitenden beginnen müssen und diese ein Fundament bekommen, welches sie wichtige Arbeiten in unserem Land übernehmen. Dies beginnt in der Bildungspolitik, geht über in die Familienpolitik und endet in der Wirtschaftspolitik, die den Wirtschaftsstandort Deutschland für Wirtschaftsunternehmen attraktiv machen muss.




