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Daredevil/Punisher: Im Visier des Teufels

Wenn zwei Vorstellungen von Gerechtigkeit aufeinandertreffen

Es gibt zwei Marvel-Charaktere, deren Aufeinandertreffen für mich fast schon eine Garantie für eine spannende Geschichte ist: Daredevil und der Punisher. Beide gehören seit vielen Jahren zu meinen persönlichen Favoriten im Marvel-Universum. Und obwohl Matt Murdock und Frank Castle eigentlich dasselbe Ziel verfolgen, könnten ihre Vorstellungen davon, wie man Verbrechen bekämpft, kaum unterschiedlicher sein.

Während Daredevil trotz aller Rückschläge weiterhin an das Rechtssystem und die Möglichkeit einer zweiten Chance glaubt, hat Frank Castle diesen Glauben längst verloren. Für den Punisher gibt es bei bestimmten Verbrechern keine Rehabilitation, keine Verhandlung und schon gar keine zweite Chance.

Bereits 2017 habe ich auf Redaktio über genau diesen Konflikt geschrieben. In meinem damaligen Artikel „Punisher vs Daredevil – Der Kampf verschiedener Moralvorstellungen“ ging es mir vor allem um die spannenden Diskussionen zwischen den beiden Verbrechensbekämpfern.

Fast zehn Jahre später liefert Panini Comics mit „Daredevil/Punisher: Im Visier des Teufels“ erneut eine Geschichte, die genau diesen moralischen Konflikt in den Mittelpunkt stellt.

Und ich kann bereits vorwegnehmen: Dieser Comic hat mich begeistert. Allerdings nicht wegen seiner Action, sondern vor allem wegen der Dialoge zwischen Daredevil und dem Punisher.

Zwei Verbrechensbekämpfer, die unterschiedlicher kaum sein könnten

Auf den ersten Blick haben Matt Murdock und Frank Castle erstaunlich viel gemeinsam. Beide sind von persönlichen Tragödien geprägt, beide kämpfen gegen das organisierte Verbrechen und beide sind bereit, für ihre Überzeugungen ein enormes persönliches Risiko einzugehen.

Doch während Daredevil seine Gegner überwältigt und anschließend der Justiz überlässt, betrachtet der Punisher das bestehende Rechtssystem als weitgehend gescheitert.

Frank Castle kennt keine Gefängnisstrafen. Er verteilt seine ganz eigene Form der Gerechtigkeit, und die endet für seine Gegner meistens tödlich.

Matt Murdock hingegen ist nicht nur Daredevil, sondern auch Rechtsanwalt. Ein Mann, der sich tagsüber für das Gesetz einsetzt und nachts selbst außerhalb dieses Gesetzes agiert.

Allein dieser Widerspruch macht Daredevil für mich zu einem unglaublich interessanten Charakter.

Denn wie glaubwürdig kann jemand das Rechtssystem verteidigen, der selbst regelmäßig zur Selbstjustiz greift? Und wo genau verläuft die Grenze zwischen einem Helden, der Verbrecher zusammenschlägt, und einem Mann, der dieselben Verbrecher endgültig aus dem Verkehr zieht?

Natürlich gibt es darauf keine einfache Antwort. Genau deshalb funktionieren Geschichten mit diesen beiden Figuren für mich so hervorragend.

Die Familie Gnucci sorgt für neuen Ärger in Hell’s Kitchen

In „Daredevil/Punisher: Im Visier des Teufels“ steht die berüchtigte Verbrecherfamilie Gnucci im Mittelpunkt der Handlung.

Frank Castle nimmt die kriminelle Organisation ins Visier und verfolgt dabei einmal mehr seinen kompromisslosen Feldzug gegen das organisierte Verbrechen.

Allerdings droht seine Vorgehensweise eine Eskalation auszulösen, die für das gesamte Viertel Hell’s Kitchen schwerwiegende Folgen haben könnte.

Damit kommt Daredevil ins Spiel, der verhindern möchte, dass Franks persönlicher Rachefeldzug noch mehr Menschen gefährdet.

Mehr möchte ich über die eigentliche Geschichte bewusst nicht verraten. Gerade bei einem Comic mit überschaubarem Umfang finde ich es wichtig, den Lesern nicht bereits die interessantesten Entwicklungen vorwegzunehmen. Viel entscheidender als die Ausgangssituation ist für mich ohnehin das, was zwischen den beiden Hauptfiguren passiert.

Die Dialoge sind das eigentliche Highlight des Comics

Was mich an diesem Band besonders begeistert hat, ist die Tatsache, dass Autor Jimmy Palmiotti den Gesprächen zwischen Daredevil und dem Punisher erstaunlich viel Raum gibt.

Natürlich gibt es auch Action. Bei diesen beiden Charakteren wäre alles andere schließlich eine Überraschung.Doch die eigentliche Spannung entsteht für mich nicht durch Schießereien, Faustkämpfe oder spektakuläre Auseinandersetzungen.

Die spannendsten Momente sind diejenigen, in denen Matt Murdock und Frank Castle über ihre unterschiedlichen Vorstellungen von Gerechtigkeit diskutieren.

Beide sind von ihrer jeweiligen Überzeugung überzeugt. Beide können ihre Ansichten nachvollziehbar begründen. Und beide wissen, dass der jeweils andere nicht einfach nur aus böser Absicht handelt. Genau das macht diese Konstellation so reizvoll.

Daredevil versucht, an moralischen Grenzen festzuhalten, die Frank Castle bereits vor langer Zeit hinter sich gelassen hat. Der Punisher wiederum hält Matt seinen aus seiner Sicht naiven Glauben an ein System entgegen, das immer wieder daran scheitert, gefährliche Verbrecher dauerhaft aufzuhalten.

Ich mag Comics, die mir auch nach dem Lesen noch durch den Kopf gehen. Geschichten, bei denen ich mich selbst frage, welche Argumente eigentlich überzeugender waren. „Im Visier des Teufels“ ist für mich genau ein solcher Comic.

Hat Daredevil recht oder ist der Punisher einfach nur konsequenter?

Diese Frage beschäftigt mich schon seit vielen Jahren.

Als Punisher-Fan seit den 90er-Jahren kann ich Franks Frustration über das Rechtssystem innerhalb dieser fiktiven Marvel-Welt durchaus nachvollziehen. Besonders dann, wenn Schwerverbrecher immer wieder aus dem Gefängnis entkommen und anschließend neue unschuldige Opfer fordern.

Aus seiner Perspektive ist das Problem schnell gelöst, wenn ein Verbrecher nie wieder die Gelegenheit bekommt, jemandem etwas anzutun. Aber macht ihn das automatisch zum besseren Verbrechensbekämpfer?

Natürlich nicht. Denn Daredevil verteidigt mit seiner Haltung etwas, das weit über die Bestrafung eines einzelnen Verbrechers hinausgeht. Es geht um die Frage, ob ein einzelner Mensch überhaupt das Recht haben sollte, über Leben und Tod zu entscheiden.

Matt Murdock weiß genau, dass das Justizsystem Fehler macht. Als Anwalt erlebt er dessen Schwächen schließlich regelmäßig selbst. Trotzdem möchte er nicht akzeptieren, dass die einzige Alternative darin bestehen soll, Menschen ohne Gerichtsverfahren hinzurichten.

Und hier wird die ganze Sache für mich so spannend. Ich bin großer Fan des Punishers und seiner kompromisslosen Art. Trotzdem bedeutet das nicht, dass ich seine Methoden moralisch für richtig halte.

Frank Castle ist für mich gerade deshalb so interessant, weil er kein klassischer Superheld ist. Seine Geschichten können dazu führen, dass ich seine Entscheidungen innerhalb der Handlung nachvollziehen kann, obwohl ich sie grundsätzlich ablehne.

Bei Daredevil verhält es sich beinahe umgekehrt. Seine moralischen Vorstellungen entsprechen viel eher dem, was ich für richtig halte. Gleichzeitig erscheint sein unerschütterlicher Glaube an die Justiz angesichts mancher Ereignisse im Marvel-Universum gelegentlich beinahe hoffnungslos optimistisch.

Der eigentliche Reiz entsteht für mich deshalb nicht durch die Frage, wer einen Kampf gewinnen würde, sondern wer mit seiner Vorstellung von Gerechtigkeit recht hat.

Ein Konflikt, der mich schon vor fast zehn Jahren beschäftigt hat

Besonders interessant finde ich, dass ich beim Lesen dieses Comics immer wieder an meinen Redaktio-Artikel aus dem Jahr 2017 denken musste.

Damals hatte ich mich mit dem Comic „Der siebte Kreis“ beschäftigt, in dem Daredevil und der Punisher ebenfalls über ihre unterschiedlichen Moralvorstellungen aneinandergeraten.

Schon damals waren es vor allem die Dialoge, die mich begeistert haben. Und genau das ist auch bei „Im Visier des Teufels“ wieder der Fall. Ich finde es bemerkenswert, dass diese beiden Figuren über Jahrzehnte hinweg immer wieder aufeinandertreffen können, ohne dass ihr grundlegender Konflikt an Bedeutung verliert.

Vielleicht liegt das daran, dass sich die Frage nach einer angemessenen Bestrafung von Verbrechern eben nicht mit einem einfachen Schlagabtausch beantworten lässt. Es geht um Schuld, Verantwortung, Rache, Vergeltung und die Hoffnung, dass Menschen sich ändern können. Das sind Themen, die weit über das klassische Superheldengenre hinausgehen.

Frank Castle muss nicht immer nur schießen

Erst vor wenigen Wochen habe ich auf Redaktio meine Rezension zu „Marvel Knights: The Punisher“ veröffentlicht. Darin habe ich beschrieben, warum ich Frank Castle gerade in seinen kompromisslosen und düsteren Geschichten besonders gerne lese.

Doch „Daredevil/Punisher: Im Visier des Teufels“ zeigt eine andere Stärke der Figur. Der Punisher funktioniert eben nicht ausschließlich dann, wenn er mit einem riesigen Waffenarsenal ganze Verbrecherorganisationen auseinandernimmt.

Frank Castle ist auch als Gesprächspartner eine faszinierende Figur, gerade weil er seine moralischen Überzeugungen oftmals mit einer erschreckenden Selbstverständlichkeit vertritt. Er muss nicht ständig jemanden erschießen, damit seine Anwesenheit bedrohlich wirkt.

Manchmal reicht bereits ein Gespräch mit Daredevil, um deutlich zu machen, wie weit sich Frank von den Vorstellungen eines klassischen Helden entfernt hat. Für mich ist das eine wichtige Qualität guter Punisher-Geschichten.

Daredevil ist der perfekte Gegenpol zum Punisher

Genauso wichtig ist für mich allerdings Daredevil. Matt Murdock gehört zu den Marvel-Charakteren, die ich besonders wegen ihrer inneren Konflikte schätze.

Sein katholischer Glaube, sein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden und die ständigen Zweifel an seinem eigenen Handeln machen ihn zu einer unglaublich vielschichtigen Figur.

Daredevil kämpft nicht nur gegen Verbrecher, sondern häufig auch gegen seine eigenen Widersprüche.  Er verlangt von sich selbst moralische Disziplin, obwohl er als maskierter Rächer regelmäßig Gewalt anwendet und damit selbst gegen Regeln verstößt, die er eigentlich verteidigen möchte.

Das unterscheidet ihn von vielen anderen Superhelden. Während der Punisher längst eine endgültige Entscheidung darüber getroffen hat, wie mit Schwerverbrechern umzugehen ist, muss Daredevil seine eigenen Grenzen immer wieder neu hinterfragen.

Gerade im direkten Kontakt mit Frank Castle wird dieser innere Konflikt besonders deutlich. Der Punisher ist gewissermaßen die Verkörperung einer Grenze, die Matt Murdock niemals überschreiten möchte. Und genau deshalb benötigen die beiden einander als Gegenspieler.

Tommaso Bianchi sorgt für die passende düstere Atmosphäre

Auch optisch passt der Band wunderbar zu seinen beiden Hauptfiguren. Zeichner Tommaso Bianchi setzt die Geschichte in einer düsteren Großstadtatmosphäre um, die zu Hell’s Kitchen, seinen kriminellen Strukturen und den beiden Verbrechensbekämpfern passt. Bei Geschichten mit Daredevil und dem Punisher erwarte ich keine kunterbunte Superheldenwelt.

Ich möchte dunkle Straßenzüge, bedrohliche Situationen und Figuren sehen, denen man ihre persönlichen Erfahrungen durchaus ansehen darf.

Besonders wichtig ist mir bei diesem Comic allerdings die Darstellung der ruhigeren Momente. Denn wenn ein wesentlicher Teil der Handlung von Gesprächen getragen wird, müssen auch Mimik, Körperhaltung und die Anordnung der Figuren funktionieren.

Ein Comic kann schließlich nicht auf die Stimmen von Schauspielern zurückgreifen. Die Zeichnungen müssen vermitteln, ob jemand wütend, enttäuscht, verbittert oder nachdenklich ist. Gerade bei zwei so charakterstarken Figuren wie Daredevil und dem Punisher halte ich diese visuelle Unterstützung für besonders wichtig.

Eine abgeschlossene Geschichte auf 120 Seiten

  • Panini Comics veröffentlicht „Daredevil/Punisher: Im Visier des Teufels“ als Softcover mit 120 Seiten.
  • Enthalten ist die vollständige fünfteilige US-Miniserie „Daredevil/Punisher: The Devil’s Trigger“ aus dem Jahr 2025.
  • Geschrieben wurde der Comic von Jimmy Palmiotti, während Tommaso Bianchi für die Zeichnungen verantwortlich ist.
  • Der Band ist am 29. September 2026 erschienen und kostet regulär 16 Euro.

Ich bin ohnehin ein großer Freund von abgeschlossenen Geschichten, die ich an einem Stück lesen kann, ohne zahlreiche andere Comicserien kennen zu müssen. Auch deshalb gefällt mir das Format dieser Veröffentlichung.

Wer möchte, kann sich den Comic direkt bei Panini Comics ansehen.

Warum mich dieser Comic so begeistert hat

„Daredevil/Punisher: Im Visier des Teufels“ hat bei mir genau den richtigen Nerv getroffen.

Ich habe eine Geschichte mit zwei meiner liebsten Marvel-Charaktere bekommen, die sich erfreulicherweise nicht darauf beschränkt, beide möglichst spektakulär aufeinander loszulassen. Stattdessen nimmt sich Jimmy Palmiotti die Zeit, den eigentlichen Konflikt zwischen Matt Murdock und Frank Castle herauszuarbeiten.

Das finde ich wesentlich interessanter als eine Geschichte, in der die beiden zunächst gegeneinander kämpfen und anschließend gemeinsam irgendwelche Gangster verprügeln. Natürlich gehört Action dazu. Und selbstverständlich möchte ich den Punisher auch weiterhin als kompromisslosen Verbrecherjäger erleben.

Aber die wirklich guten Geschichten mit diesen beiden Charakteren sind für mich diejenigen, in denen ihre unterschiedlichen Weltanschauungen aufeinanderprallen.

Daredevil glaubt an Gerechtigkeit durch das Gesetz. Der Punisher glaubt an Gerechtigkeit durch endgültige Bestrafung. Beide bekämpfen das Verbrechen, aber nur einer ist bereit, dabei nahezu jede moralische Grenze zu überschreiten.

Gerade weil ich beide Charaktere so sehr mag, macht es mir großen Spaß, ihren Argumenten zu folgen und meine eigene Haltung zu hinterfragen.

Und wenn ein Comic dafür sorgt, dass ich mich nach dem Lesen noch länger mit seinen Figuren und ihren Ansichten beschäftige, dann hat er für mich vieles richtig gemacht. „Daredevil/Punisher: Im Visier des Teufels“ ist deshalb eine klare Leseempfehlung von mir, insbesondere für Fans der beiden Charaktere und für alle, die sich bei Marvel nicht ausschließlich für spektakuläre Kämpfe interessieren.

Denn manchmal kann eine Diskussion zwischen zwei Superhelden deutlich spannender sein als die nächste große Schlacht. Und wenn diese beiden Gesprächspartner Matt Murdock und Frank Castle heißen, höre ich besonders gerne zu.

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