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Captain Tsubasa 2: World Fighters im Test

Fußball wie in meiner Kindheit

Es gibt Videospiele, bei denen ich schon vor dem ersten Anpfiff weiß, dass ich sie nicht vollkommen objektiv betrachten kann. CAPTAIN TSUBASA 2: WORLD FIGHTERS gehört definitiv dazu, denn dafür verbindet mich einfach zu viel mit Captain Tsubasa. Ich bin mit „Die tollen Fußballstars“ auf RTL2 aufgewachsen. Die Serie lief in Deutschland erstmals 1995 auf dem Sender und gehörte für mich zu dieser ganz besonderen Anime-Zeit, in der nachmittags Serien geschaut wurden, über die man sich anschließend mit Freunden unterhalten hat. Später habe ich auch einen Großteil der Mangas gelesen. Tsubasa Ozora, Genzo Wakabayashi, Kojiro Hyuga, Taro Misaki und die vielen anderen Charaktere sind für mich deshalb nicht einfach irgendwelche Figuren aus einem Fußballspiel, sondern gehören zu meinen Kindheitserinnerungen.

Hier den spektakulären Trailer schauen:

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Wir wollten Ronaldo, Zidane – und Tsubasa Ozora sein

Wer damals selbst Fußball gespielt hat, kennt das wahrscheinlich. Natürlich wollten wir auf dem Fußballplatz Ronaldo oder Zidane sein. Wir kannten die großen Stars aus der Champions League und den internationalen Turnieren. Gleichzeitig konnte man aber eben Tsubasa Ozora sein. Dann wurde aus einem ganz normalen Schuss plötzlich der härteste Distanzschuss aller Zeiten. Ein Fallrückzieher musste möglichst spektakulär aussehen und mit etwas Fantasie konnte ein Fußballplatz gefühlt auch schon einmal mehrere Kilometer lang sein. Genau diese Erinnerungen machen Captain Tsubasa für mich bis heute besonders.

Wie tief das bei mir sitzt, zeigt übrigens ein ziemlich alter Artikel hier auf redaktio.de. Bereits 2013 habe ich über mein FC-Nankatsu-Shirt von Tsubasa Ozora geschrieben und darüber, dass meine fiktiven Fußballspieler in verschiedenen Spielen immer wieder Tsubasa heißen. Mehr als ein Jahrzehnt später stehe ich jetzt virtuell wieder mit ihm auf dem Platz.

Captain Tsubasa 2 ist kein EA Sports FC – zum Glück

Der wichtigste Punkt bei CAPTAIN TSUBASA 2: WORLD FIGHTERS ist für mich die Erwartungshaltung. Wer das Spiel startet und eine Alternative zu EA Sports FC erwartet, wird vermutlich enttäuscht werden. Bei EA Sports FC geht es zumindest dem Anspruch nach um eine möglichst realitätsnahe Umsetzung des Fußballs. Formationen, Passspiel, Laufwege, Ballbesitz, Spielaufbau und reale Spieler sowie Mannschaften stehen im Vordergrund. Captain Tsubasa verfolgt einen vollkommen anderen Ansatz. Hier soll ich nicht darüber nachdenken, ob ein Schuss aus 35 Metern statistisch sinnvoll ist, sondern darüber, welcher meiner Spieler daraus gerade einen vollkommen absurden Anime-Superschuss machen kann.

Bandai Namco bezeichnet das Spiel selbst passend als „Super Action Soccer“. Mit 22 Nationalmannschaften, mehr als 110 spielbaren Charakteren und über 150 inszenierten Aktionen beziehungsweise Spezialsequenzen ist schon anhand dieser Zahlen klar, wohin die Reise geht. Das ist kein Simulationsfußball, sondern Fußball-Arcade mit Anime-Logik. Und genau deshalb funktioniert das Spiel für mich.

Wenn ein normaler Pass einfach zu langweilig wäre

Die große Stärke liegt in den völlig übertriebenen Aktionen auf dem Fußballplatz. Dribblings, Tacklings, Pässe, Blocks und natürlich die Schüsse können mit Spezialtechniken verbunden werden. Im Vergleich zum Vorgänger beschränken sich die besonders spektakulären Aktionen damit nicht mehr hauptsächlich auf die offensiven Stars. Auch andere Positionen können mit speziellen Pässen, Tacklings oder Blocks entscheidend in ein Spiel eingreifen. Selbst das Duell zwischen Schütze und Torwart wurde stärker ausgebaut.

Und genau das möchte ich von einem Captain-Tsubasa-Spiel sehen. Ich möchte keinen Tsubasa Ozora, der sich an realistische Ballphysik hält, und keinen Kojiro Hyuga, der vor seinem Schuss erst prüft, ob sein Expected-Goals-Wert aus dieser Position hoch genug ist. Ich erwarte die völlige Eskalation. Wenn Spezialtechniken ausgelöst werden, wechselt das Spiel immer wieder in kleine Anime-Sequenzen. Der Fußball wird dadurch eher zu einem Kampfspiel mit Ball. Zweikämpfe fühlen sich wie direkte Duelle an und ein Angriff kann sich langsam zu einer großen Spezialaktion steigern. Das hat mit einem echten Fußballspiel manchmal nur noch entfernt etwas zu tun, mit Captain Tsubasa dafür umso mehr.

Das Spiel versteht seine Vorlage

Für mich ist genau das wahrscheinlich das größte Kompliment, das ich dem Spiel machen kann:

CAPTAIN TSUBASA 2: WORLD FIGHTERS möchte nicht nur ein Fußballspiel mit bekannten Charakteren sein. Es möchte sich wie Captain Tsubasa anfühlen.

Die übertriebenen Schüsse, die Rivalitäten, die dramatischen Dialoge, die vollkommen unverhältnismäßige Bedeutung eines einzelnen Fußballspiels und natürlich die bekannten Charaktere greifen ineinander. Wer den Manga gelesen oder den Anime gesehen hat, erkennt viele dieser Elemente sofort wieder.

Die Geschichte orientiert sich am World-Youth-Handlungsbogen und führt Tsubasa und die japanische Auswahl gegen Mannschaften aus unterschiedlichen Teilen der Welt. Für Fans ist das natürlich ein wesentlich größerer Reiz als für Spieler, die mit Captain Tsubasa bislang überhaupt nichts anfangen konnten. Wer mit den Figuren aufgewachsen ist, nimmt viele Begegnungen, Anspielungen und Rivalitäten automatisch anders wahr.

Mein eigener Spieler zwischen den Helden meiner Kindheit

Besonders interessant finde ich die Möglichkeit, einen eigenen Spieler zu erstellen. In der sogenannten New Stars Route wird der eigene Charakter Teil der japanischen Auswahl und spielt gemeinsam mit Tsubasa auf dem Weg zum internationalen Erfolg. Natürlich hat das für mich einen gewissen Reiz: Früher wollte ich auf dem Bolzplatz Tsubasa sein, heute kann ich einfach meinen eigenen Charakter erstellen und ihn neben Tsubasa aufstellen.

Allerdings ist dieser eigene Spieler innerhalb der Geschichte nicht plötzlich wichtiger als die bekannten Figuren. Tsubasa und seine Mitspieler stehen weiterhin stark im Mittelpunkt. Das kann man kritisieren, ich finde es aber grundsätzlich richtig. Ich spiele Captain Tsubasa schließlich nicht, weil ich möchte, dass Tsubasa irgendwo im Hintergrund herumsteht, während meine selbst gebaute Figur ihm die Show stiehlt. Ich möchte Teil dieser bekannten Welt sein.

Manchmal möchte ich aber einfach wieder Fußball spielen

Meine größte Kritik betrifft ausgerechnet einen Bereich, der gleichzeitig eine der Stärken des Spiels ist: die Geschichte. Captain Tsubasa liebt Drama, das wissen Anime- und Manga-Fans. Entsprechend gibt es viele Dialoge und Zwischensequenzen. Teilweise entsteht dadurch eher das Gefühl, einen interaktiven Anime beziehungsweise eine Visual Novel mit Fußballspielen zu erleben als ein klassisches Sportspiel. Andere Spieler und leider auch einige Freunde bemängeln ebenfalls, dass die zahlreichen Dialoge und Zwischensequenzen den Spielfluss der Kampagne immer wieder unterbrechen können.

Als Fan kann ich damit deutlich besser leben als jemand, der möglichst schnell von einem Spiel zum nächsten springen möchte. Trotzdem hatte ich auch Momente, in denen ich einfach dachte: Jetzt gebt mir endlich wieder den Ball. Das Spiel hätte meiner Meinung nach an einigen Stellen ruhig etwas stärker darauf vertrauen dürfen, seine Geschichten auf dem Platz zu erzählen.

Captain Tsubasa lebt auch von seiner Übertreibung

Gleichzeitig merke ich bei solchen Kritikpunkten aber schnell, warum mir das Spiel trotzdem so viel Spaß macht. Captain Tsubasa war noch nie zurückhaltend. Schon früher dauerte ein Angriff in der Serie gefühlt eine komplette Folge. Spieler führten während eines Sprungs halbe Selbstgespräche, Torhüter flogen durch den Strafraum und Schüsse entwickelten Kräfte, bei denen wahrscheinlich kein gewöhnliches Tornetz lange überlebt hätte. Die Erdkrümmung auf dem Weg zum gegnerischen Tor gehört vermutlich zu den bekanntesten Running Gags rund um die alte Serie.

Wenn ein Videospiel diese Welt umsetzt, darf es deshalb ebenfalls vollkommen übertreiben. Eigentlich muss es das sogar. Eine realistische Umsetzung von Captain Tsubasa wäre für mich wesentlich enttäuschender als ein Spiel, das bewusst sämtliche Fußballgesetze ignoriert.

Für wen lohnt sich CAPTAIN TSUBASA 2: WORLD FIGHTERS?

Ich glaube, bei kaum einem Fußballspiel lässt sich die Zielgruppe so einfach beschreiben. Wer hauptsächlich eine Fußballsimulation sucht, aktuelle Kader nachbauen möchte und möglichst authentischen Vereinsfußball erwartet, ist bei EA Sports FC wesentlich besser aufgehoben. Wer dagegen schnelle Arcade-Partien, Anime, Spezialattacken und bewusst überzeichneten Fußball mag, sollte sich Captain Tsubasa 2 genauer ansehen.

Noch interessanter wird das Spiel natürlich für Menschen meiner Generation, die mit Tsubasa aufgewachsen sind. Wenn Namen wie Tsubasa Ozora, Genzo Wakabayashi, Kojiro Hyuga oder Taro Misaki sofort Erinnerungen auslösen, funktioniert das Spiel auf einer zusätzlichen Ebene. Dann spielt eben nicht nur die Qualität eines Tacklings oder eines Spezialschusses eine Rolle. Dann sitzt da auch immer ein wenig der Junge vor dem Bildschirm, der damals RTL2 geschaut hat und anschließend mit seinen Freunden auf den Fußballplatz gegangen ist.

Mein Fazit zu Captain Tsubasa 2: World Fighters

CAPTAIN TSUBASA 2: WORLD FIGHTERS ist für mich kein Konkurrent zu EA Sports FC – und sollte auch niemals als solcher betrachtet werden.

Beide Spiele beschäftigen sich mit Fußball, aber damit hören die Gemeinsamkeiten schon fast auf. EA Sports FC versucht, den realen Fußball in ein Videospiel zu übertragen, während Captain Tsubasa versucht, das Gefühl eines Fußball-Mangas beziehungsweise eines Fußball-Animes spielbar zu machen. Ich finde den zweiten Ansatz gerade deshalb so erfrischend.

Hier darf Fußball wieder vollkommen bescheuert sein. Schüsse dürfen unmöglich aussehen, Tacklings dürfen an Spezialattacken aus einem Kampfspiel erinnern und ein einziges Tor darf dramatischer inszeniert werden als ein Champions-League-Finale. Natürlich ist nicht alles perfekt. Vor allem der hohe Anteil an Dialogen und Zwischensequenzen kann das Tempo herausnehmen und manchmal möchte ich weniger Geschichte lesen und einfach wieder Fußball spielen. Aber sobald der nächste Spezialschuss vorbereitet wird, ein bekannter Charakter auf dem Bildschirm auftaucht oder eine dieser herrlich absurden Aktionen beginnt, bin ich wieder dabei.

Vielleicht liegt das auch daran, dass Captain Tsubasa bei mir nie nur eine Anime-Serie war. Ich habe die Serie damals auf RTL2 verfolgt, später einen großen Teil der Mangas gelesen und auf dem Fußballplatz wollten wir eben nicht ausschließlich Ronaldo oder Zidane sein. Manchmal wollten wir auch einfach Tsubasa Ozora sein. Und genau dieses Gefühl bringt CAPTAIN TSUBASA 2: WORLD FIGHTERS für mich erstaunlich gut zurück.

CAPTAIN TSUBASA 2: WORLD FIGHTERS ist für den PC, die Nintendo Switch, die Playstation 5 und die XBOX erhältlich. Alle relevanten Links für den Kauf des Spiels gibt es hier.

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