Das geheime Finanzschlupfloch von Til Schweiger
Das steckt hinter den Scam-Mails

Seit Jahren landen bei mir immer wieder Spam-Mails im Postfach, die nach demselben Prinzip funktionieren. Nur die Namen, angeblichen Enthüllungen und vermeintlichen Skandale ändern sich. Mal geht es um eine geheime Geldanlage, mal um ein verbotenes Interview und mal um ein Finanzschlupfloch, von dem angeblich nur besonders wohlhabende Menschen wissen sollen.
Ein aktuelles Beispiel ist besonders dreist: Til Schweiger soll in einer Live-Sendung mit Markus Lanz ein geheimes Finanzschlupfloch verraten haben. Die Bundesregierung habe daraufhin rechtliche Schritte eingeleitet, die Bundesbank habe sogar den Livestream abschalten lassen und natürlich sei das brisante Interview nur noch für kurze Zeit verfügbar.
Das klingt schon beim Lesen ziemlich wild. Trotzdem funktioniert genau diese Mischung aus bekannten Namen, Verschwörung, Zeitdruck und der Aussicht auf schnelles Geld offenbar gut genug, dass solche Mails seit Jahren verschickt werden.
Und tatsächlich ist gerade diese Geschichte um Til Schweiger und Markus Lanz keineswegs neu. Bereits 2024 wurde vor gefälschten Artikeln gewarnt, in denen Til Schweiger angeblich bei Markus Lanz Finanztipps verraten habe. Damals wurde unter anderem behauptet, die Deutsche Bundesbank beziehungsweise die Bank Austria gehe deshalb gegen ihn vor. Auch das angebliche Interview war frei erfunden.
Nein, Til Schweiger hat bei Markus Lanz kein geheimes Finanzschlupfloch verraten
Die wichtigste Information zuerst: Wer eine E-Mail wie die von mir gezeigte erhält, sollte nicht versuchen herauszufinden, was sich hinter dem angebotenen Interview verbirgt.
Ich muss den Link nicht anklicken, um zu überprüfen, ob die Geschichte stimmt. Genau darauf spekulieren die Absender nämlich: Neugier.
Die Geschichte ist so aufgebaut, dass ich unbedingt erfahren soll, was Til Schweiger angeblich gesagt hat. Gleichzeitig wird suggeriert, mächtige Personen wollten verhindern, dass ich diese Informationen bekomme.
Die Bundesregierung geht gegen Til Schweiger vor. Markus Lanz ist beteiligt. Die Bundesbank schaltet einen Livestream ab. Eine geheime Kopie des Interviews konnte gerettet werden. Und wenn ich nicht sofort handle, könnte alles wieder gelöscht werden. Das ist keine journalistische Enthüllung. Das ist Dramaturgie.
Warum ausgerechnet Markus Lanz und Til Schweiger?
Prominente erfüllen bei solchen Betrugsversuchen gleich mehrere Funktionen.
Til Schweiger kennt praktisch jeder. Markus Lanz steht als Moderator einer bekannten politischen und gesellschaftlichen Talkshow für Interviews mit relevanten Persönlichkeiten. Kommen dann noch Begriffe wie Bundesregierung, Bundesbank oder Live-Sendung hinzu, entsteht auf den ersten Blick eine Geschichte mit vielen bekannten Namen und Institutionen. Das soll Vertrauen erzeugen.
Gleichzeitig muss die Geschichte spektakulär genug sein, damit der Empfänger seine Skepsis für einen Moment vergisst.
Markus Lanz und seine Sendung werden besonders häufig für erfundene Investment-Geschichten missbraucht. So kursierten beispielsweise auch gefälschte Beiträge, laut denen Peter Maffay bei Markus Lanz eine Bitcoin-Software empfohlen habe. Auch dabei sollte die Deutsche Bundesbank angeblich gegen den Prominenten vorgegangen sein. Die Geschichte war komplett erfunden.
Noch erschreckender: Inzwischen werden für solche Betrugsversuche zusätzlich KI-generierte Videos und Deepfakes eingesetzt. Dadurch können vermeintliche TV-Ausschnitte oder Interviews auf den ersten Blick deutlich glaubwürdiger wirken als klassische Spam-Mails.
Boris Becker, Stefan Raab und Klaas Heufer-Umlauf: Die Prominenten sind austauschbar
Deshalb sollte man sich nicht zu sehr auf Til Schweiger konzentrieren. Bei der nächsten Spam-Mail kann ein vollkommen anderer Name im Betreff stehen.
Prominente werden seit Jahren ohne deren Zustimmung für dubiose Finanz- und Investmentangebote missbraucht. Besonders geeignet sind Menschen, die nahezu jeder kennt und denen ein vermeintliches Fernsehinterview problemlos zugeordnet werden kann.
Klaas Heufer-Umlauf wurde beispielsweise bereits für gefälschte Werbung einer angeblichen KI-Trading-Plattform eingesetzt. Auch Stefan Raab wurde bereits für Anzeigen missbraucht, in denen behauptet wurde, er sei festgenommen worden. Der vermeintliche Skandal sollte Nutzer lediglich auf dubiose Angebote locken.
Weitere Varianten arbeiten mit Namen wie Boris Becker, Günther Jauch, Helene Fischer, Peter Maffay, Dieter Hallervorden, Dieter Bohlen oder anderen bekannten Personen.
Der konkrete Prominente ist für mich deshalb inzwischen fast nebensächlich. Entscheidend ist das Muster dahinter.
Diese Spam-Mails arbeiten gezielt mit Zeitdruck und Neugier
Besonders auffällig finde ich Formulierungen wie:
- Diese Wahrheit soll geheim bleiben.
- Das Interview wurde abrupt abgebrochen.
- Die Regierung möchte verhindern, dass die Bevölkerung davon erfährt.
- Wir konnten eine Sicherungskopie retten.
- Der Artikel könnte bald gelöscht werden.
Genau diese künstliche Dringlichkeit ist ein typisches Merkmal von Phishing und Online-Betrug. Statt in Ruhe über den Inhalt nachzudenken, soll möglichst sofort auf einen Link geklickt werden.
Ich stelle mir bei solchen Geschichten inzwischen eine einfache Frage: Wenn Til Schweiger tatsächlich in einer der bekanntesten Talkshows Deutschlands ein sensationelles Finanzgeheimnis verraten hätte und die Bundesbank anschließend die Sendung abgeschaltet hätte, warum sollte ausgerechnet irgendein unbekannter Newsletter die einzige Quelle dafür sein?
Ich klicke in solchen Mails grundsätzlich keinen Link an
Das ist für mich die wichtigste Regel.
- Nicht den großen Link zum angeblichen Interview.
- Nicht einen Button mit „Mehr erfahren“.
- Nicht die vermeintliche Originalquelle.
- Nicht auf ein Logo.
- Und auch nicht auf irgendeinen anderen Link innerhalb der Mail.
Phishing-Seiten können täuschend echt aussehen und unter anderem Zugangsdaten, persönliche Informationen oder Zahlungsdaten abfragen.
Auch wenn ich neugierig bin, recherchiere ich unabhängig von der E-Mail. Ich öffne meinen Browser und suche selbst nach Begriffen wie „Til Schweiger Markus Lanz Finanzschlupfloch“ oder nach der konkret behaupteten Nachricht.
Bei einem angeblich derart großen Skandal müsste ich innerhalb weniger Sekunden Berichte seriöser Medien finden.
Auch „Newsletter abbestellen“ kann eine Falle sein
Ein Punkt wird bei Spam-Mails gerne übersehen. Ganz unten befindet sich häufig ein scheinbar seriöser Hinweis wie:
„Hier klicken, um sich von unserem Newsletter abzumelden.“
Bei einem Newsletter, den ich tatsächlich bestellt habe und dessen Absender ich kenne, ist ein solcher Abmeldelink vollkommen normal. Bei offensichtlichem Spam sieht die Sache anders aus. Ich klicke deshalb auch nicht auf „Newsletter abbestellen“.
Ein vermeintlicher Abmeldelink kann ebenfalls auf eine manipulierte Webseite führen. Außerdem kann ein Klick dem Absender signalisieren, dass die angeschriebene E-Mail-Adresse tatsächlich aktiv genutzt wird.
Die mögliche Folge: noch mehr Spam. Der seriös wirkende Abmeldehinweis macht eine Spam-Mail also nicht seriöser. Er kann Teil derselben Falle sein.
Spam markieren, melden und anschließend löschen
Bei einer eindeutig betrügerischen Nachricht ist meine Vorgehensweise deshalb ziemlich unspektakulär.
Ich markiere die Nachricht über meinen E-Mail-Anbieter als Spam oder Phishing. Wenn eine entsprechende Meldefunktion angeboten wird, nutze ich diese ebenfalls. Anschließend lösche ich die Nachricht. Das Markieren als Spam hilft den Filtersystemen dabei, ähnliche Nachrichten zukünftig besser zu erkennen.
Was ich dagegen nicht mache: auf die Mail antworten.
Damit würde ich im schlimmsten Fall ebenfalls bestätigen, dass meine E-Mail-Adresse aktiv ist.
Bitte solche Spam-Mails nicht an Freunde weiterleiten
Noch einen Fehler beobachte ich immer wieder: Jemand erhält eine verdächtige Nachricht und leitet die komplette E-Mail an einen Freund, Kollegen oder Familienangehörigen weiter.
„Schau mal, ist das Scam?“
Genau das würde ich nicht machen.
Denn damit verbreite ich eine Nachricht samt potenziell gefährlicher Links weiter. Vielleicht bin ich selbst vorsichtig genug, nichts anzuklicken. Beim nächsten Empfänger kann das ganz anders aussehen. Wenn ich eine zweite Meinung möchte, erstelle ich lieber einen Screenshot. Alternativ kann ich den verdächtigen Text ohne anklickbare Links kopieren und jemanden danach fragen. So kann ich vor einer Masche warnen, ohne die eigentliche Spam-Mail weiterzuverbreiten.
Woran ich solche Promi-Finanz-Mails erkenne
Nicht jede betrügerische Nachricht sieht gleich aus. Bei diesen angeblichen Enthüllungen gibt es aber einige Punkte, bei denen ich sofort skeptisch werde:
- Bekannte Prominente sollen plötzlich einen geheimen Anlagetrick entdeckt haben.
- Markus Lanz oder eine andere bekannte TV-Sendung dient als angebliche Quelle.
- Banken, Bundesregierung oder Behörden sollen Informationen unterdrücken.
- Ein Interview wurde angeblich unterbrochen oder verboten.
- Nur eine geheime Kopie soll noch verfügbar sein.
- Der Empfänger soll möglichst schnell klicken.
- Es geht um ungewöhnlich hohe oder einfache Gewinne.
- Bekannte Medienmarken werden imitiert.
- Der Absender passt nicht zum angeblichen Inhalt.
- Die Internetadresse hinter einem Link hat nichts mit dem vermeintlichen Medium zu tun.
- Es wird mit Angst, Exklusivität oder Neugier gearbeitet.
- Selbst der Abmeldelink führt über eine unbekannte Adresse.
Mittlerweile werden Fotos, Videos und Stimmen prominenter Personen zusätzlich mithilfe künstlicher Intelligenz verändert. Das macht die Masche nicht glaubwürdiger, aber teilweise deutlich schwerer auf den ersten Blick zu erkennen.
Was tun, wenn ich doch auf den Link geklickt habe?
Ein versehentlicher Klick bedeutet nicht automatisch, dass bereits ein finanzieller Schaden entstanden ist. Ich würde die aufgerufene Seite aber sofort schließen und dort auf keinen Fall persönliche Daten, Passwörter, Bankverbindungen oder Zahlungsinformationen eingeben.
Habe ich Zugangsdaten eingegeben, ändere ich das betroffene Passwort möglichst schnell über die echte Webseite des Anbieters. Wo möglich, aktiviere ich zusätzlich die Zwei-Faktor-Authentifizierung und kontrolliere bestehende Sitzungen oder angemeldete Geräte.
Hätte ich Bank- oder Kreditkartendaten angegeben oder bereits Geld überwiesen, würde ich dagegen nicht abwarten, sondern unverzüglich meine Bank beziehungsweise den Zahlungsdienstleister kontaktieren und gegebenenfalls Anzeige erstatten.
Die Polizei hat für solche Fälle ein großes Medienangebot mit Checklisten und Hilfsmaßnahmen zusammengestellt, welches hier aufgerufen werden kann.
Das beste Finanzschlupfloch in dieser Mail: gar nicht erst klicken
Til Schweiger hat also kein geheimes Finanzschlupfloch bei Markus Lanz verraten, die Bundesbank musste deswegen keinen Livestream abschalten und eine dubiose Newsletter-Mail besitzt auch keine exklusive Sicherungskopie eines verbotenen Interviews.
Die Geschichte ist trotzdem interessant.
Nicht wegen eines geheimen Tricks zum Reichwerden, sondern weil sie ziemlich gut zeigt, wie moderner Online-Betrug funktioniert. Bekannter Prominenter, vertrauenswürdige Fernsehsendung, staatliche Institutionen, vermeintliche Zensur, ein großes Geheimnis und anschließend enormer Zeitdruck: All diese Zutaten verfolgen nur ein Ziel.
Ich soll klicken. Und genau diesen einen Gefallen tue ich den Absendern nicht.

